Zahnextraktion (Zahnentfernung)

Sind Zähne auch mit den modernsten Methoden der Zahnmedizin nicht zu erhalten, so muss der nicht erhaltungswürdige Zahn extrahiert, d.h. gezogen werden.

Doch auch aus anderen Gründen müssen Zähne entfernt werden, beispielsweise aus kieferorthopädischen Gründen, wenn ein Missverhältnis zwischen Zahn- und Kiefergröße besteht und dadurch ein Platzmangel auftritt. In diesem Fall kann die Zahnextraktion (Zahnentfernung) als Mittel der Platzbeschaffung eingesetzt werden.

Auch verlagerte und retinierte Zähne (Zähne, die keine Durchbruchstendenz zeigen) meist Weisheitszähne werden heutzutage routinemäßig entfernt, wenn sie funktionslos im Kiefer liegen und keinerlei Durchbruchstendenz zeigen, beziehungsweise teilretiniert sind, also nur unvollständig durchgebrochen.

Solche teilretinierten Zähne stellen Schmutznieschen dar, erschweren die Reinigung der wichtigen davorliegenden Zähne und sind häufig Ursache rezidivierender Entzündungen.

Von retinierten Weisheitszähnen geht häufig eine Zystenbildung aus. Ebenso treten in Zusammenhang mit retinierten Zähnen Abszesse auf, welche bedrohliche Komplikationen mit sich bringen können.


Die Verfahren

Eine Zahnentfernung kann sowohl geplant als auch ungeplant, beispielsweise im Rahmen der Behandlung akuter Schmerzpatienten, erfolgen.

Man unterscheidet die einfache Zahnentfernung von der operativen Zahnentfernung, wie sie bei verlagerten, retinierten oder teilretinierten Zähnen oder auch bei der Entfernung von Wurzelresten erfolgt.

In beiden Fällen wird der zu entfernende Zahn mittels Lokalanästhesie (örtlicher Betäubung) betäubt. In einigen Fällen, bei sehr ängstlichen Patienten oder Patienten mit Verhaltensstörungen ist eine Prämedikation (Gabe von Medikamenten vor einem medizinischen Eingriff) sinnvoll. In der Regel wird hierzu Diazepam oder Midazolam eingesetzt. Diazepam kann bereits am Vorabend eingenommen werden, mitunter ist eine zweite Gabe direkt vor dem geplanten Eingriff sinnvoll. Midazolam wird als Einmaldosis 7,5 g bei Erwachsenen direkt eine halbe bis eine ganze Stunde vor der Zahnentfernung gegeben.

Die einfache Zahnentfernung erfolgt in der Regel mittels Hebel und Zange. Nach Extraktion im Oberkiefer ist es nötig, das Bestehen einer Mund-Antrum-Verbindung (MAV; Verbindung der Mundhöhle zur Kieferhöhle) mittels Nasen-Blas-Versuch zu überprüfen. Eine bestehende MAV sollte möglichst sofort gedeckt werden, sofern keine Infektion der Kieferhöhle vorliegt.

Im Rahmen der operativen Zahnentfernung werden beispielsweise verlagerte und retinierte Weisheitszähne entfernt. Nach Lokalanästhesie muss der zu entfernende Zahn zunächst operativ freigelegt werden. Dazu muss ein Zahnfleischschnitt erfolgen und in vielen Fällen ist der verlagerte Zahn noch von Knochen bedeckt, der vorsichtig abgetragen wird, bis der verlagerte Zahn soweit freigelegt ist, dass er entfernt werden kann.

Auch die operative Zahnentfernung wird schonend und schmerzfrei unter lokaler Betäubung durchgeführt.

Ist der Zahn entfernt, so wird die Alveole (Knochenfach) mit einem scharfen Löffel gründlich von Granulationsgewebe befreit. Eventuell bestehende Knochenkanten werden geglättet.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Tief kariös zerstörte Zähne, die nicht mehr konservierend versorgt werden können
  • Anhaltende pathologische Veränderungen oder Beschwerden bei lege artis (nach den Regeln der Kunst) endodontisch behandelten (wurzelbehandelten) Zähnen, bei denen eine Wurzelspitzenresekion kontraindiziert ist oder erfolglos blieb
  • Parodontale Gründe massive Zahnlockerung, freiliegende Furkationen (Wurzelteilungsstellen)
  • Kieferorthopädische Gründe z. B. Platzbeschaffung bei Zahnengstand
  • Frakturierte Zähne mit ungünstigem Frakturverlauf z. B. Längsfrakturen
  • Zähne, die die Ursache für fortschreitende Infektionen darstellen, z. B. Logenabszesse
  • Vor Radiatio und Chemotherapie Extraktion aller nicht sicher erhaltungswürdiger Zähne

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

  • Gerinnungsstörungen unbehandelt oder bei unbekannten Gerinnungswerten
  • Schwere Herz-Kreislauf-Insuffizienz
  • Akuter Myokardinfarkt (Herzinfarkt) sowie Rehabilitationsphase nach Herzinfarkt
  • Akute Leukosen und Agranulozytosen
  • Radiatio (Bestrahlung)
  • Chemotherapie


Komplikationen

Vor jeder Zahnentfernung muss der Patient über die möglichen Komplikationen aufgeklärt werden.

Dazu zählen:

  • Weichteilverletzungen
  • Zahnfraktur (Abbrechen des Zahnes)
  • Eröffnung der Kieferhöhle Mund-Antrum-Verbindung (MAV)
  • Verletzung von Nachbarzähnen
  • Verletzung von Nachbarstrukturen z. B. Nerven, N. mandibularis oder N. lingualis im Unterkiefer
  • Radix in antro Wurzelrest in der Kieferhöhle
  • Luxation (Verlagerung) von Wurzelresten in die Weichteile
  • Aspiration (Einatmen) oder Verschlucken von Zahnanteilen
  • Fraktur (Bruch) des Tuber maxillae (Anteil des Oberkiefers)
  • Unterkieferfraktur Bruch des Unterkiefers
  • Bakterielle Endokarditis Entzündung der Herzinnenhaut
  • Atypische Odontalgie persistierender neuropathischer Schmerz

Die meisten Komplikationen treten nur selten auf. Am häufigsten sind Weichteilverletzungen und Zahnfrakturen, die insbesondere bei stark vorgeschädigten Zähnen auftreten, bei marktoten Zähnen und ungünstiger Wurzelanatomie wie gespreizten oder gekrümmten Wurzeln.

Ist der Zahn frakturiert, so muss der verbliebene Wurzelrest entfernt werden. Häufig gelingt dies über die Alveole (knöchernes Zahnfach). Ist es nicht möglich, die Wurzel auf diese Weise zu lockern, wird sie operativ über einen kleinen Zahnfleischschnitt entfernt.

Nach erfolgreicher Zahnentfernung muss der Patient für mindestens 30 Minuten auf einen Tupfer beißen, damit sich das Blutkoagel im Wundbereich ungestört bilden kann. Dies ist wichtig für die Heilung, denn das Koagel wird nach und nach in Knochen umgebaut.

Verhalten nach Extraktion

Jeder Patient wird genauestens darüber aufgeklärt, wie er sich nach der Extraktion verhalten sollte, um eine optimale Heilung zu ermöglichen.

Am Tag der Zahnentfernung sowie am Folgetag sollte der Patient auf Alkohol, Nikotin, Kaffee und schwarzen Tee verzichten.

Es soll nicht mit Eis gekühlt werden, da nach Entfernung des Eisbeutels eine reaktive Hyperämie eintritt und sich die Gefahr von Nachblutungen erhöht. Gekühlt wird mit einem kalten Lappen oder Tuch und nicht dauerhaft, sondern mit Unterbrechungen, um eine Unterkühlung zu vermeiden.

Körperliche Aktivitäten wie Sport oder schwere körperliche Arbeit sollten ebenfalls für den Tag des Eingriffs und den Folgetag möglichst gemieden werden, da diese die Gefahr für Nachblutungen erhöhen.

Die Zunge hat im Wundbereich nichts verloren, gleiches gilt natürlich auch für die Finger. Ebenso sollte der Bereich beim Zähneputzen gemieden werden, die angrenzenden Zähne können jedoch ab dem Folgetag wieder normal geputzt werden. Die Munddusche sollte den Wundbereich für etwa zwei Wochen aussparen.

Kommt es zu leichten Nachblutungen, so kann ein sauberes Stofftaschentuch zusammengerollt werden, um darauf zu beißen, bis die Blutung zum Stillstand kommt. Bei stärkeren Nachblutungen sollte immer der behandelnde Zahnarzt noch einmal kontaktiert werden. Er kann abschätzen, ob eine weitere Behandlung nötig ist.

Kommt es etwa drei Tage nach der Extraktion zu straken Schmerzen, kann eine Alveolitis sicca - trockene Alveole - vorliegen. Das heißt, das stabilisierende Blutkoagulum ist verloren gegangen, oder hat sich nicht richtig gebildet. Dies verursacht stake Schmerzen und bedarf der Behandlung in der Zahnarztpraxis.

Ihr Nutzen

Die Zahnextraktion ist nicht nur Mittel der Wahl, wenn ein Zahn nicht mehr erhaltungswürdig ist, sie ist gleichzeitig auch eine Therapiemöglichkeit zur Platzbeschaffung in der Kieferorthopädie oder zur Ursachenbeseitigung, wenn Zähne anhaltende Infektionen oder gar Abszesse unterhalten.


Literatur

  1. Gutwald R, Gellrich N.-C., Schmelzeisen R. Einführung in die Zahnärztliche Chirurgie. 1. Auflage 2003
  2. Horch H. H. (Hrsg.) Praxis der Zahnheilkunde. Zahnärztliche Chirurgie.
  3. Klammt J. Praxis der Zahnentfernung. forum-med-dent